Beste Freunde oder: Das Dilemma des Sich-nahe-seins in weiter Ferne

Beste Freunde oder: Das Dilemma des Sich-nahe-seins in weiter Ferne

Ein kleines Gedankenspiel: Ist es nicht so, dass jeder heutzutage vor allem Freiheit und Unabhängigkeit anstrebt? Wir gehen unsere Lebenswege, ja, laufen unsere Lebensläufe, lernen uns kennen, entwickeln uns, leben uns aus. Und dabei bietet unsere heutige Welt uns so viele Möglichkeiten, dass wir gar nicht mehr hinterher kommen, dass Begriffe wie FOMO die Gedanken einer ganzen Generation bestimmen. FOMO – die Angst, etwas zu verpassen, nicht dabei zu sein bei der nächsten großen Party. Doch was, wenn wir etwas viel Essentielleres verpassen als die nächste Sause?

Wie definierst du „Beste Freunde“ oder „BFFs“? Es sind Menschen, mit denen uns in jedem Fall eine Menge verbindet. Wir haben ähnliche Interessen, Hobbys, Wertvorstellungen oder einfach eine lange gemeinsame Vergangenheit. Solche Freundschaften sollen ewig währen und man tut viel dafür, dass sie das tun. Doch somit kollidieren sie früher oder später mit dem oben erwähnten modern way of life der Generation Y. Wir verlassen unser Nest, gehen in die Ferne, ins Ausland, machen den Bachelor, den Master und besorgen uns einen geilen Job. Bei jedem dieser Schritte lassen wir Menschen zurück, manchmal auch beste Freunde. Und dann folgt das Dilemma des Sich-nahe-seins in weiter Ferne.

Wie bleibt man in Kontakt? Wahrhaft in Kontakt? Mit Hilfe elektronischer Mittel, werden jetzt die meisten sagen. Bullshit, sage ich. Früher oder später wird uns der neue Alltag nach einem neuen Lebensschritt einholen. Und darunter leiden die Kontakte der Vergangenheit. Es ist völlig natürlich, es gibt keine Schuldigen und doch ist es ein Dilemma, das jeder von uns kennt. Ein Zitat, das diese Thematik gut aufgreift, stammt von Jostein Gaarder:

Das Leben ist traurig und feierlich. Wir werden in eine wunderschöne Welt gelassen, treffen uns hier, stellen uns einander vor – und gehen zusammen ein Weilchen weiter. Dann verlieren wir einander und verschwinden ebenso plötzlich und unerklärlich, wie wir gekommen sind.

Wie ich auf all das komme? Meine beste Freundin ist vor ein paar Tagen in ihr Heimatland geflüchtet, nachdem das Deutsche Gesundheitssystem sie im Stich gelassen hat. Sie hatte monatelang mit mysteriösen und gravierenden Einschränkungen zu kämpfen, wir haben darüber geschrieben und telefoniert. Und nun ist sie im Krankenhaus in einem von Krieg gezeichnetem Land mit der Hoffnung, hier endlich eine gute Behandlung zu bekommen. Klingt dramatisch, ist es auch. Von diesen letzten Entwicklungen habe ich heute erst erfahren. Vor neun Tagen hatten wir den letzten Kontakt, dann hat mich mein Hamburger Leben wieder völlig vereinnahmt. Und das war ihr Test und mein Fail.

Ich fühle mich schuldig, sie ist traurig und doch macht niemand jemandem einen Vorwurf. Es gibt keine Schuldigen – jedenfalls nicht unmittelbar – und damit ist das Dilemma ein tragisches.

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