Mein Weg zum Buddhismus und Innerem Frieden

Mein Weg zum Buddhismus und Innerem Frieden

Bereits seit 2013 interessiere ich mich für das Thema Buddhismus. Angefangen hat das Ganze damit, dass mich einige Herausforderungen im Leben ziemlich aus der Bahn geworfen hatten. Es ist die übliche Geschichte eines Kindes, dessen Kindheit abrupt endete – Trennung der Eltern, Familienprobleme, Verlust von Freunden und der ganz normale Wahnsinn, den das Erwachsenwerden so mit sich brachte, inklusive der Herausforderung, sich über die eigene Sexualität klar zu werden, diese zu akzeptieren und offen zu leben. Diese Zeit hatte ihre Spuren hinterlassen – Spuren, unter denen ich gelitten hatte. Anfang 2013 sollte Schluss damit sein! Ich war also auf der Suche nach einem Weg aus meinen Leiden, wie es im Buddhismus heißt. Und da der Buddhismus genau diesen Weg verspricht, war ich schnell auf ihn aufmerksam geworden. Durch meine angeborene Skepsis und rational-analytische Natur musste ich mich dem Thema auf vielen verschiedenen Wegen schrittweise annähern. Ich denke, diese offene und doch skeptische Herangehensweise hat dazu geführt, dass ich innerhalb weniger Jahre ein breites und fundiertes Wissen ansammeln, aber auch zahlreiche spirituelle Erlebnisse und Erfahrungen erleben konnte. „Einfach“ zu Glauben war mir nie genug, ich wollte verstehen, erfahren und leben.

Was ist also passiert bis zu dem Zeitpunkt, als ich mich schließlich komplett auf die buddhistische Praxis eingelassen habe und diese leben konnte?

Theorie – Check! Praxis – wtf?

Am 1. Mai 2013 stieß ich durch Zufall in der Hannoverschen Bahnhofsbuchhandlung auf das Buch „Shaolin – Das Geheimnis der Inneren Stärke“. „Welche Wesensmerkmale machen einen krisenfesten Menschen aus, der seinen Weg mit innerer Stärke geht und sich von den Schwierigkeiten des Lebens nicht unterkriegen lässt?“, war hier die Leitfrage und die Antworten darauf interessierten mich natürlich brennend. Ich hatte über dieses Buch den ersten Kontakt zum Thema Buddhismus, speziell zum chinesischen Chan-Buddhismus, der die Grundlage der Shaolin-Philosophie bildet. Später sollte ich herausfinden, dass der Chan-Buddhismus wiederum Teil des Mahayana-Buddhismus ist, dessen Hauptunterschied zur zweiten Hauptströmung des Buddhismus, dem Hinayana, ist, dass das Ziel nicht nur das eigene „Buddha-Werden“ ist, sondern, dass man im Moment der Erleuchtung bewusst darauf verzichtet ins Nirwana überzugehen, um weiterhin anderen den Weg weisen zu können. Hört sich alles ziemlich abgespaced an, doch entspricht dieser Gedanke zumindest meiner Natur, andere auf Ihrem Lebensweg mit Rat und Tat unterstützen zu wollen. Also warum nicht auch bei ihrer Erleuchtung?


Nach der Lektüre des Buches hatte ich vieles gelernt, war begeistert von der Theorie des Loslösens vom Leid, des inneren Friedens und der Ausgeglichenheit und Stärke, die damit einhergingen. Doch die Praxis … Wie sollte ich die Praxis vollführen?

Der Diamantweg und wie ich von ihm abkam

Ich kam zu dem Entschluss, dass vielleicht der Kontakt zu anderen Buddhisten oder Buddhismus-Interessierten das Richtige für mich wäre! Gott sei Dank bot eine Weltstadt wie Hamburg hier ausreichend Möglichkeiten. Mein Augenmerk fiel auf einen bevorstehenden Vortrag des im Westen berühmten Ole Nydahl, auch Lama Ole genannt. Er ist ein Lama des Diamantweg-Buddhismus und repräsentiert Lehren der tibetischen Karma-Kagyü-Schule. Sie gehört zur Kagyü-Schule, die eine der vier Hauptrichtungen des tibetischen Buddhismus ist, der besonders durch das Wirken des Dalai Lamas (Oberhaupt der Gelug-Schule) weltweite Bekanntheit erlangt hat. Der Vortrag fand am 22. Juni 2013 statt und ich war überwältigt von der hohen Teilnehmerzahl, die sich geordnet, stets lächelnd und voller Vorfreude in die weitläufige Turnhalle zwängte. Von dem Vortrag an sich verstand ich nicht viel, ich glaube es ging um die sieben Chakren und wie man ihre Energien aktivieren und nutzen kann. Der Skeptiker in mir wurde laut … sehr laut. Ich versuchte, dem Lama zu folgen, doch es gelang mir einfach nicht. All die Vorstellungen waren schön. Sieben Chakren, die den Körper durchfließen, die man nutzen kann für die unterschiedlichsten Zwecke. Toll. Doch wie genau sollte das funktionieren? Was davon war Wirklichkeit, was war pure Einbildung und Placebo? Als dann am Ende noch gemeinschaftlich zum Chanten angestimmt wurde, war ich vollends überwältigt. In mir mischten sich Skepsis, Fremdschämen, da die exotischen Laute doch irgendwie skurril wirkten, das Gefühl, nicht dazuzugehören, da ich gefühlt als einziger die Verse nicht kannte, die rezitiert wurden, und doch auch: Ehrfurcht und Begeisterung, denn so verwirrend das Ganze auch für mich war: die Menschen um mich herum waren vom Glück erfüllt gewesen, freundlich, wohlwollend und ganz offensichtlich auf dem richtigen, einem guten Weg – raus aus dem Leiden, das das Leben so häufig mit sich bringt. Das beste Beispiel hierfür war Arthur, den ich an diesem Abend noch kennenlernte.


Dennoch sollte hier meine Buddhismus-Reise erst einmal enden. Der Praxis war ich immer noch nicht nähergekommen, die Theorie hatte ich ab einem bestimmten Punkt nicht mehr verstanden. Mein Wunsch nach praktikabler Verbesserung meiner Lebensumstände führte mich erstmal, angelehnt an die Lehren der Shaolin, zum Fokus auf meinen Körper als Tempel. Ich erschöpfte mich im Training meines Körpers und entdeckte die Yoga-Praxis im Herbst 2013 für mich.

Ganz lies mich der Buddhismus seit meinen ersten Erfahrungen jedoch nicht mehr los. Während meiner Vietnam-Reise konnte ich verschiedene neue Eindrücke gewinnen und empfand große Bewunderung für das Glück der meist einfachen Menschen. In Can Tho besuchten Natalia und ich am 13. September 2013 das buddhistische Kloster der Khmer, welches sich der Theravada-Schule verschrieben hatte – der Hauptschule des Hinayana-Buddhismus, der sich auf die Erleuchtung und das Buddha-Werden des Individuums konzentriert. Zu diesem Anlass ist es das Ziel der buddhistischen Mönche in Can Tho, so viel Wissen wie möglich zu aggregieren. In der Geschichte dieser Region galten die Theravada-Buddhisten als Hüter des Wissens und ausgezeichnete Bibliothekare. Und so wunderte es uns nicht, dass der Abt des Klosters uns zu Tee und Obst einlud, um mehr über Europa zu erfahren. Und schließlich zur gemeinsamen Meditation bzw. zur Beobachtung dieser, da weder Natalia noch ich etwas von der Praxis verstanden – bis dahin.


Mehr als ein Jahr verging, ich beendete meinen Bachelor, zog mich etwas zurück, trainierte viel und vertiefte meine Yoga-Praxis, doch mit dem endgültigen Umzug nach Hamburg änderte sich wieder alles. Viele neue Eindrücke, die turbulente Übergangsphase bei Stephan, der Start des MBAs … und damit auch wieder viel Potential für Überforderung, überzogene Ansprüche, Enttäuschungen und Leid. Bis ich etwas zur Ruhe gekommen war, war es auch schon April 2015.

Meditation für Skeptiker

Wieder entdeckte ich durch Zufall ein neues, interessantes Buch: „Meditation für Skeptiker“ kaufte ich am 19. April 2015 in der Hamburger Bahnhofsbuchhandlung und es stellte meinen zaghaften Versuch dar, das Thema Buddhismus, Meditation und Überwindung meines Leidens erneut anzugehen und dieses Mal: praxisnah. Und buddhistische Praxis kommt vor allem durch eines: regelmäßige Meditation. Training für den Geist, völlige Versenkung und Loslösung von der Welt um einen herum, völliger Fokus auf Gedankenstille und Atmung. Ich verschlang das Buch förmlich, welches neben Anleitungen für einfache Meditations-Übungen den aktuellen Stand der Meditationsforschung präsentierte.


Ja genau: MeditationsFORSCHUNG – das perfekte Überzeugungsmittel für einen Skeptiker eben! Unwiderlegbare, empirische Fakten. Und davon gibt es anscheinend bereits aller Hand. MRT-Scans sei Dank weiß man mittlerweile sogar schon grob, was bei den sogenannten Erleuchtungs-Erfahrungen der Buddhisten passiert. Ich war völlig angefixt! Es war also möglich, das eigene Gehirn zu programmieren und so neue Erkenntnisse und Fähigkeiten zur Kontrolle von Gedanken und damit auch Gefühlen und Verhalten zu erlangen. War dies mein Zugang zum buddhistischen Weg aus dem Leiden heraus? Es sollte sich schnell zeigen: Ja, das war er. Doch dazu fehlte noch ein weiteres Werkzeug.

Denn so sehr sowohl die Theorie der Meditation, als auch ihre Erforschung, als auch Praxisübungen mit Hilfe des Buches vermittelt wurden – nach der ersten Lektüre eignete es sich eher nicht mehr als ständiger, praktischer Begleiter, da mir die Motivation fehlte, die Übungen wirklich zu machen und regelmäßig das Buch dafür zu konsultieren. Permanent fragte ich mich: Mache ich es jetzt richtig? Wann stellen sich erste Effekte ein? Funktioniert das wirklich so?

Time for some Headspace

All diese Zweifel erledigten sich mit meiner Entdeckung der Meditations-App Headspace. Headspace veränderte mein Leben und der Weg begann am 3. Juli 2015. Bereits nach drei Tagen angeleiteter Meditations-Übungen spürte ich, welches Potential die App für mich hätte. Die App vermittelte mir schrittweise alles, was das Buch zuvor beinhaltet hatte, doch in sehr viel nutzerfreundlicherer Form. Und sie war ein ständiger Begleiter – Quelle unzähliger Anleitungen und ein starker und doch verständnisvoller, geduldiger Motivator. Fast so, als hätte ich mit Andi Puddicombe meinen eigenen, persönlichen Meditationslehrer. In der Zwischenzeit habe ich über Headspace eine Seminararbeit geschrieben, mehrere Blog-Artikel gepostet und die App bestimmt schon Hunderten Leuten empfohlen. Deshalb gehe ich hier jetzt nicht weiter ins Detail.


Mit Hilfe von Meditation und Yoga schaffte ich etwas, das mir zuvor nie gelungen war: Zufrieden in meinem eigenen Körper, Geist und Leben zu sein. Die Praxis hat so vieles bei mir bewirkt und angestoßen. Ich hatte wirklich mehrere sehr bewegende Erkenntnis-Momente, die mich emotional völlig umgehauen haben. Das unglaublich gute Gefühl, das entsteht, wenn man sich die Freude anderer Menschen vorstellt – als ich das zum ersten Mal erlebte, wurde ich von Freudentränen schier überwältigt. Die sanfte Ruhe, die in schwierigen Situationen eintritt, wenn man sich seiner Gefühle ganz bewusst wird und sie wirklich erspürt. Die Stärke und Selbstsicherheit, wenn man Dinge einfach akzeptiert und dann loslässt. Die Macht des Gedankens, Fokus nicht als erzwungene Konzentration auf eine einzige Aufgabe zu sehen, sondern als Fluss, bei dem jeder einzelne Moment und jede Veränderung gelebt werden – Arbeit also als Abfolge kleiner Schritte, statt als großen Konzentrationsakt zu verstehen – mit kurzen Ablenkungen, die unausweichlich sind. Und auch meine weniger guten Phasen wahrzunehmen, zu akzeptieren und mich von ihnen nicht noch mehr unter Druck setzen lassen. Durch das Verstehen und Fühlen dieser Erkenntnisse, schienen sich all meine Probleme beinahe in Luft aufzulösen und den Rest von ihnen lernte ich zu akzeptieren. Schwierig war einzig, konsequent zu bleiben, selbst in Zeiten, in denen es mir wunderbar ging und die Zeit nur so dahinraste. Doch mein Interesse blieb ungebrochen und so vertiefte ich es weiter.

Wie ich durch ein Missverständnis zum Zen-Novizen wurde

Da das Leiden im Leben niemals ein Ende nimmt, nahm auch meine Meditationspraxis nie ein wirkliches Ende. So ging es weiter, ich verfolgte den wissenschaftlichen Ansatz, doch mein Interesse für die spirituellen Wurzeln dieser Praxis war nie ganz verklungen. Weitere Gelegenheit für eine Auseinandersetzung mit dem Buddhismus bekam ich schließlich auf unserer Medienreise nach Japan, wo besonders der mir durch Steve Jobs und Apple nicht unbekannte Zen-Buddhismus vertreten ist. Nachdem ich 2015 erfahren hatte, das Steve Jobs Leben und Wirken maßgeblich vom Zen-Buddhismus, der japanischen Ästhetik und Kalligrafie beeinflusst worden sind, hatte ich zunächst gedacht: Okay, gut zu wissen, aber ich bin nicht so ein Fanboy, dass ich mich deshalb gleich dem Zen verschreibe. Ich hatte mich dem Buddhismus ja schließlich schon über andere Wege genähert und wollte eigentlich, wenn dann diese Schulen weiterverfolgen. Das war, bevor ich wirklich verstanden hatte, was genau den Zen-Buddhismus eigentlich auszeichnet. In Japan entdeckte ich schließlich die schlichte Schönheit, die mich fortan nicht mehr loslassen sollte. Einfachheit, Eleganz, Erhabenheit im Einklang mit Asymmetrie und Imperfektion und damit Einzigartigkeit. Es faszinierte mich nun schon, in den Spuren von Steve Jobs zu wandeln, der besonders in Kyoto extrem geprägt worden war und sein Herz an die Stadt verloren hatte. Hier begeisterte mich besonders die Gestaltung der Zen-Gärten, in denen jeder ganz eigene Botschaften vermittelt sah. Auch das Zusammenspiel der beiden Religionen Buddhismus und Shinto fand ich spannend.


Ein Erlebnis der ganz besonderen Art hatte ich jedoch nicht in Kyoto, sondern in der Hakone-Region, also in der japanischen Provinz inmitten beeindruckender Natur und weltberühmten Panoramen. Hier erlebte ich das wohl spannendste Abenteuer meines bisherigen Lebens, das dadurch begann, dass ich völlig alleine ins kalte Wasser gesprungen bin. Einfach mal was wagen, war das Motto. Und so sprang ich kurzerhand aus dem abendlichen Zug, der uns zurück nach Tokio bringen sollte. Mein Weg führte mit Hilfe zweier lustiger Japanerinnen – eine hieß Yahui – zu einem bezaubernden alten Ehepärchen, Takasugi und Mensugi, und ihrer Pension, in ein einheimisches Onsen, einen Shinto-Schrein und bescherte mir ein original japanisches Fischfrühstück sowie meinen ganz eigenen Yukatan, einen einfachen Kimono. Außerdem führte mein Pfad mich über Berge und durch dschungelartige Schluchten bis hin zu einem kleinen Zen-Tempel in Yumoto. Meine Neugierde und offene Art mochte die Frau des dortigen Mönchs sofort und so unterhielten wir uns eine Weile über Zen-Buddhismus, Japan und Europa und natürlich den Sinn und Zweck meiner Reise. Zum Schluss interessierte mich, wie man denn nun offiziell zum Zen-Buddhisten wurde. Die Antwort hätte ich mir eigentlich schon denken können, denn dass es so etwas wie eine Taufe im Buddhismus nicht gibt, wusste ich. So war ich überrascht, als die Frau, Nobuko, schließlich ihren Mann holte und mir Anweisungen für eine Meditation und ein buddhistisches Ritual gab. Als die Zeremonie zu Ende war, verkündete Nobuko: „Now, you are Zen novice!“ Wow! Sie hatte mich völlig missverstanden. Statt einfach in den Glaubenskreis aufgenommen zu werden, haben Nobuko und ihr Mann mich zu einem angehenden Zen-Mönch gemacht! Meine Verwirrung sahen sie mir an, versicherten jedoch, dass ich damit kein Gelübde oder sowas abgelegt hätte. Ich sei lediglich den ersten Schritt hin zum Zen-Mönch gegangen und es sei meine Entscheidung, wie weit ich diesen Weg weiterverfolgte. So war ich schließlich durch Zufall zum Zen-Novizen geworden! Was für ein Erlebnis!


Doch es brauchte noch ein wenig Zeit, bis meine Faszination für Japan und Zen ihren Höhepunkt erreichen sollte. Die Erlebnisse der Medienreise waren so vielseitig und die Zeit, in der sie stattfand, so ereignisreich, dass alles erstmal langsam sacken musste. Und so führte mein Leben mich in die Zeit vor ein paar Wochen, als ich beide Themen für mich wiederentdeckte und es mir endlich gelang, aus den spirituellen Wurzeln, dem Glauben an den Buddhismus, Neues für meine Meditationspraxis zu erschließen.
Das Studium war abgeschlossen, meine große Orientierungs- und Freigeistphase war durch die Thailand-Reise, bei der mich vor allem die buddhistische Architektur faszinierte, und tolle Weihnachtsferien eingeleitet worden. Und schließlich holten mich im Januar 2017 Japan und der Zen-Buddhismus wieder ein.

Der Besuch des Zen Dojos Ryu-Mon

Seit dem Ende meines Studiums sehe ich viele Zusammenhänge in meinem Leben, die mir nie so bewusst gewesen waren. Ich konnte viel Sinn entdecken in allem, was die letzten Jahre passiert ist. Steve Jobs nannte das „Connecting the dots“ – und diese verbundenen Punkte schienen immer mehr ein Bild vor meinen Augen anzunehmen, das mich zufriedenstellte und mit Glück erfüllte. Oft stieß ich in den letzten Wochen dabei auf das Thema Japan. Mein Interesse für Matcha-Tee und die damit verbundenen japanischen Tee-Zeremonien, also die Verehrung der alltäglichen Tätigkeiten durch eine achtsame Ausführung. Meine jugendliche Begeisterung für die Samurai, ihre Kampfkünste und ihre Lebensart, meine kindliche Begeisterung für Animes und Mangas. Die Liebe und Aufmerksamkeit, die in das Pflegen von Bonsai-Bäumchen oder das Falten von Origami fließen. Die Schönheit japanischer Kalligrafie und die meditative Kraft des Kreis-Zeichnens, des Ensō. Die Beschäftigung und starke Identifikation mit den agilen Arbeitsmethoden, mit SCRUM, das maßgeblich von japanische Prinzipien wie dem Toyota Production System beeinflusst wurde. All diese Dinge verbindet die japanische und buddhistische Philosophie und Ästhetik, bei der es viel um Veränderung, Vergänglichkeit, Anpassung und Akzeptanz geht. Selbstreflektion und stetige schrittweise Verbesserung – Kaizen – ohne dabei Perfektion anzustreben, sondern das Imperfekte, Unbeständige und Unvollkommene als Schön zu betrachten – Wabi-Sabi, das seinen Ausdruck z. B. in der japanischen Kunstform Kintsugi, dem Reparieren zerbrochener Keramik mit Hilfe von dekorativem Goldlack, findet. Diese Sichtweisen haben die Japaner geprägt, sie haben sie zu einem zurückhaltenden, bescheidenen und stolzen Volk gemacht. Es sind sehr kontrollierte und doch hoch emotionale Menschen. Für uns Europäer wirkt so manches in ihrer Kultur eigenartig und überzogen – die Liebe für Mangas und Animes bei Alt und Jung, die schrillen Werbespots und ausgeflippten Modetrends. Bei gleichzeitiger hochgradiger Organisation, Kontrolle und strengsten Umgangsformen. Beides gleicht sich aus und ergibt so ein stimmiges Ganzes. Ein Ganzes, mit dem ich mich stark identifizieren kann. Somit floss in letzter Zeit viel Aufmerksamkeit in die Auseinandersetzung mit diesem Land und damit mit mir selbst.


Ich las viel über die angesprochenen Themen und fand so zurück zum Zen-Buddhismus. Die Neugierde auf eine weitere religiöse Erfahrung wurde stärker und so entschloss ich mich, das Zen Dojo Ryu-Mon zu besuchen und an der zen-buddhistischen Praxis, dem Zazen, teilzunehmen. Ich besuchte das Dojo vor ein paar Wochen, am 26. Januar 2017 ganz in meiner Nähe. Das Zen Dojo Ryu-Mon in der Eiffestraße gehört zu einem Hamburger Zen-Verein, der wiederum Teil der Zen-Vereinigung Deutschland ist. Beim Zazen handelt es sich um eine Meditation, deren Ziel es ist, das eigene Selbst aufzulösen, sich also sowohl von der äußeren Welt zu lösen, als auch von sich selbst, um so quasi eins mit allem zu werden. Auch das klang im ersten Moment ziemlich abgespaced, aber man muss es sich so vorstellen: täglich, ja eigentlich sekündlich, beschäftigen uns die unterschiedlichsten Gedanken und Gefühle – ein unendlicher, nie enden wollender Strom, der häufig den Moment, wie er wirklich ist, völlig überdeckt. Beim Zazen geht es darum, diesen Strom für kurze Zeit zum Stillstand zu bringen. Es gilt, eine innere Ruhe zu erzeugen, welche die meisten von uns gar nicht mehr gewohnt sind. Natürlich gönnt sich ein jeder von uns die nötige Ruhe in Form von Schlaf und manchmal sogar gezielter Entspannung. Doch wahrhaftige Gedankenruhe bei gleichzeitiger voller Aufmerksamkeit auf das Hier und Jetzt ist etwas ganz Anderes. Es ist ein so intensives Erlebnis, dass es sich bei regelmäßiger Praxis so tief in den Menschen eingräbt, dass er sprichwörtlich „nicht mehr aus der Ruhe zu bringen ist“. Was diese völlige Stille, beim Zen auch oft als Leere bezeichnet, noch mitbringt, ist Potential in seiner reinsten Form. Wo nichts ist, ist Raum für alles. Bringt man gezielte Gedanken in die Stille ein, kann man sein Gehirn sehr effizient „umprogrammieren“, das habe ich durch meine Headspace-Praxis schon mehrfach erfahren. Im Dojo wollte ich nun erfahren, wie ich die Qualität meiner inneren Ruhe während der Meditation weiter steigern konnte.

Im Dojo angekommen war ich natürlich erstmal extrem verunsichert. Alles war neu und doch fühlte ich mich willkommen. Thomas, der bereits seit über zwanzig Jahren Zen-Buddhist ist, begrüßte mich herzlich. Ich war ihm bereits angekündigt worden, da ich zuvor mit dem Dojo Kontakt aufgenommen hatte. Er machte einen freundlichen, ruhigen und glücklichen Eindruck, aber auch ein bisschen unsicher. Später gestand er, die Einführung nicht oft zu machen, doch so läuft es im Dojo: mit fortschreitender Praxis übernimmt man verschiedene Aufgaben. Die Räumlichkeiten an sich machten einen aufgeräumten, einfachen und doch schönen Eindruck. Alles war in hellen Naturfarben gehalten, dezent beleuchtet und mit Teppichboden ausgelegt – die Schuhe legte man vor dem Eingang ab.


Bis auf die Neulinge hatten alle ihre dunklen Kimonos und zogen diese vorher an. Anschließend lief es wie folgt ab: jeder nahm sich ein passendes Meditationskissen und eine Matte. Kurz vor Beginn des Zazen reihten sich die Teilnehmer vor dem Eingang zum Dojo auf und betraten dieses mit dem linken Fuß zuerst, es folgte eine erste Verbeugung in den Raum, anschließend schritt man zu seinem Platz. Es wurde mit dem Gesicht zur Wand meditiert, sodass Matte und Kissen entlang der Wände abgelegt wurden. Eine Verbeugung zu den ausgebreiteten Utensilien, halbe Drehung im Uhrzeigersinn, Verbeugung in den Raum, zweite halbe Drehung im Uhrzeigersinn, sodass man schließlich platznehmen konnte. Sobald man seine Meditationshaltung eingenommen hatte – Lotussitz, halber Lotus oder Fersensitz – begann das Zazen. Nun hieß es 40 Minuten aufrecht sitzen, die Wirbelsäule möglichst in einer Linie, das Kinn leicht angezogen, die Hände sanft im Schoss abgelegt, die Rechte in der Linken, die Daumen berührten sich mittig, Ellenbogen leicht nach vorn geneigt, den Blick 1-2 Meter „vor sich“ abgelegt, die Augen also nicht ganz geschlossen. Beim Zazen selbst konzentrierte man sich die ganze Zeit sowohl auf diese Haltung, als auch auf den Atem. Besonderer Fokus lag beim Ausatmen. Es war dieser Konzentrationsakt, der verhinderte, dass man abschweifte oder gar einschlief. Er bewirkte, dass man völlig im Hier und Jetzt verweilte, aber gleichzeitig möglichst wenigen Einflüssen ausgeliefert war, welche den Gedankenstrom speisten.

Alleine die Vorstellung, 40 Minuten völlig regungslos zu sitzen, war für mich befremdlich und respekteinflößend. Und das trotz regelmäßiger Meditationspraxis. 15 Minuten mit Anleitung sind eine Sache, 40 Minuten ohne eine ganz andere. Die Stille, die sich schließlich ausbreitete, obwohl knapp 20 Menschen im Raum saßen, war im ersten Moment bedrückend – hörte man schließlich nur noch mein Schlucken und das des zweiten Neulings. Ich akzeptierte jedoch schnell, als Neuling noch mehr Geräusche von mir zu geben als alle anderen, und so konnte ich die Stille genießen. Im Laufe des Zazen hörte man auch andere Meditierende – mal war es ein leises Husten, mal ein Rascheln, da jemand seine Haltung korrigierte. All das war in Ordnung, solange der Fokus auf Haltung, Atmung und Stille anschließend wieder im Mittelpunkt stand. Kurz vor Ende der ersten 40 Minuten ließ sich plötzlich der Zen-Meister hinter mir nieder und korrigierte sanft aber bestimmt meine Haltung. Es war ziemlich spannend zu erkennen, wie sehr ich eingesackt war. Und vor allem: wie viel besser ich mich gedanklich fallen lassen konnte, nachdem die Haltung korrigiert worden war und anschließend mehr Aufmerksamkeit von mir abverlangte. DIES war die wichtigste Lektion an diesem Abend.

Den ersten 40 Minuten folgte eine Geh-Meditation, die der Auflockerung diente. Man stand also auf, immer darauf bedacht, alles möglichst synchron mit den anderen zu machen, schüttelte das Kissen etwas aus, Verbeugung, Vierteldrehung im Uhrzeigersinn, sodass man mit den anderen in einer Reihe stand. Anschließend umgriff die linke Hand den linken Daumen und die rechte Hand die linke Hand, beide Hände wurden vor den Solarplexus gebracht, man stand aufrecht und blickte ohne Fokus nach vorn. Die Geh-Meditation lief so ab, dass man nun bei jedem Ausatmen einen kleinen Schritt nach vorn ging, nur ein paar Zentimeter aber dafür sehr achtsam. Nachdem ein paar Meter so abgeschritten worden waren, ging man in Reih und Glied zurück zu seinem Platz, verbeugte sich erneut vor dem Kissen und der Matte, halbe Drehung in den Raum, erneute Verbeugung, halbe Drehung zurück zum Platz. Und weitere 40 Minuten Zazen folgten.

Bereits bei der Geh-Mediation hatte ich gemerkt, wie sehr meine Knie durch die ersten 40 Minuten Meditation belastet worden waren. Doch erstaunlicherweise konnte ich auch die zweiten 40 Minuten gut im Fersensitz verweilen. Wohingegen in den ersten 40 Minuten meine Gedanken noch von den ganzen neuen Eindrücken überflutet worden waren, kehrte nun endlich eine angenehme Ruhe ein, die ich selbst Tage nach dem Zazen noch spüren konnte. Wow! Außerdem erklang gegen Ende der zweiten 40 Minuten plötzlich die angenehm ruhige Stimme des Meisters, der uns Neulingen ein wenig die Verunsicherung nehmen wollte: „An unsere Neuen: das alles mag dem ein oder anderen sehr skurril erscheinen, doch ich versichere euch: Die Zen-Praxis erschließt sich mit der Praxis durch die Praxis.“ Und er hatte Recht damit. Natürlich wirkten diese ganzen Bewegungsvorgaben, die genauen Anweisungen zur Haltung und die Stille sehr skurril. Doch genau diese Automatisierung der Bewegung, diese Gleichstellung mit allen anderen Anwesenden und der Fokus auf Haltung und Atem ermöglichten es halt, sich möglichst zu vergessen und damit auch die eigenen Sorgen und Ängste.

Am Ende kam schließlich doch noch ein Part, der mir wirklich skurril erschien, jedoch schon sehr viel weniger als noch bei dem Vortrag von Lama Ole: das Chanten, das Rezitieren alter japanischer Verse begleitet von Trommel- und Klanggeräuschen. Hiermit konnte ich mich noch nicht gut identifizieren, da in mir immer noch die wissenschaftliche Herangehensweise an das Thema vorherrschte. Doch dann dachte ich mir: Warum nicht? Warum nicht wissenschaftlich an das Thema herangehen und gleichzeitig jene würdigen, die vor tausenden von Jahren als Erste zu all den Erkenntnissen gelangt sind, die heute Schritt für Schritt empirisch belegt werden. Warum nicht den historischen Buddha und seine Wegbegleiter und Schüler ehren? Auch sie haben schließlich nichts anderes getan, als Wege aus dem Leid zu suchen, dabei die Meditationspraxis für sich zu entdecken und diese schließlich mit den Mitteln ihrer Zeit zu umschreiben, zu verstehen und zu verbreiten. Wie konnte ich mir also anmaßen, ihre Erklärungsversuche als skurril zu bezeichnen und abzulehnen, nur weil es damals eben noch keine MRTs oder ähnliches gab? Mir wurde schnell klar: Ich sollte und wollte Buddha Ehre erweisen, war er schließlich Wegbereiter dieser Praktiken, die mein Leben nachhaltig verändert hatten. Das einzige, was diese Ehrerbietung skurril machte, war mein eigenes Unwissen. Ich kannte die Verse nicht, ich war es nicht gewohnt, sie in einem Sing Sang ins Dojo hallen zu lassen, und deshalb kam ich mir auch damals bei Lama Ole wie ein Außenseiter vor, ein nicht allzu schönes Gefühl, wenn man eigentlich dazugehören wollte. Diese klaren Gedanken führten dazu, dass ich mich mit der Situation abfand, sie akzeptierte und mich tatsächlich für die Anwesenden und über ihre Ehrerbietung und Inbrunst freuen konnte. All diese Gedanken wurden jedoch überschattet von meinen extrem schmerzenden Knien, da der letzte Teil des Zazen tatsächlich ohne Meditationskissen praktiziert wurde. Holla die Waldfee! Das verlangte mir ziemlich viel ab! Doch ich war froh, als ich am Ende das komplette Zazen erfahren und erlebt hatte. Thomas, der zweite Neue und ich unterhielten uns noch ein paar Minuten vor dem Dojo, in denen Thomas erzählte, wie er nach dem Tod seines Vaters zum Zen-Buddhismus gefunden hatte. Wieder war es das Leiden, das auf den Weg aus dem Leiden herausgeführt hatte. Und ich verstand, wie logisch dieser Gedanke eigentlich war. Traurig und doch logisch.

Der Abend hallte noch stark in mir nach. Die Knieschmerzen waren nach ein paar Minuten verflogen, die Ruhe war geblieben. Und EINIGES, was ich für meine persönliche Meditationspraxis mitnehmen konnte, allem voran die Meditationshaltung im Fersensitz. Aber auch die Erkenntnis, dass mein Weg der Richtige ist, dass ich nun vielleicht nicht wöchentlich, aber wahrscheinlich alle paar Monate diese Erfahrung des Zazen machen möchte. Und vielleicht auch mal für ein paar Tage in das Zen-Kloster Liebenau gehen möchte. Doch auch: dass mir für den Alltag meine persönliche Meditationspraxis daheim völlig ausreicht.

Diese nahm ich sogleich mit neuem Elan wieder auf, versuchte ein paar der ritualisierten Bewegungen des Zazen und die Fersensitzhaltung zu integrieren und siehe da: all das zeigte enorme Wirkung. Bereits am zweiten Tag meiner neuen Praxis hatte ich erneut einen sehr intensiven Erkenntnis-Moment. Durch die starke Ritualisierung der Meditation würde diese IMMER gleichbleiben, egal was in meinem Leben noch so passieren mochte. Durch das Loslösen von meinem Selbst, durch die völlige innere Leere im Moment der Meditation, würde ICH immer derselbe bleiben, egal was in meinem Leben noch passieren mochte. Egal, wie viele Hochphasen und egal wie viele Tiefphasen ich erleben würde. Diese Erkenntnis traf mich wie ein Schlag in dem Moment, als die Anweisung am Ende der Meditation kam, den Gedanken kurz völlig freien Lauf zu lassen. Ich sah mich, völlig leer, voller Potential, völlig regungslos im Fersensitz … und um mich herum entfalteten sich alle möglichen Varianten der Zukunft. Der völlige soziale Abstieg. Der höchste Höhenflug. All meine Träume, all meine Sorgen. Doch das alles affektierte mich nicht mehr, denn ich hatte innere Ruhe und inneren Frieden gefunden, die Leere, die das Ziel des Zen-Buddhismus war. Diese Vorstellung war so mächtig, dass sie mir extrem viel Halt gab, ein Gefühl von Sicherheit und Stärke und Ruhe. Mir kamen direkt die Tränen, was die Erfahrung noch intensiver machte.


Von meinem Weg der neuen Erfahrungen und Erkenntnisse bin ich heute mehr denn je überzeugt. Und offen für und neugierig auf alles, was da noch kommen mag. Ich bin ein wissenschaftlich veranlagter Mensch, ich ziehe Beweise den Annahmen vor, ich weiß lieber, als dass ich glaube. Doch ich glaube fest daran: Das menschliche Leben ist durch Leiden geprägt und dieses Leiden kann überwunden werden. Man kann ein glückliches und zufriedenes Leben führen und es ist das edelste und höchste Ziel, dies mit anderen zu teilen und ihnen dabei zu helfen.

4 Comments. Kommentar hinterlassen

  1. Mirja Oeynhausen

    Deine Geschichte ist wirklich so toll Bruderherz!
    Ich bin gespannt, was mich noch alles auf meinem Weg der Veränderung erwartet…

    • Nils Oeynhausen

      Danke Schwesterherz! Ich freue mich jeden Tag darüber, dass ich diesen Weg mit dir zusammen gehen kann! 🙂

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